Handwerkszeug zur Gruppengründung

1. Was bedeutet Selbsthilfe?

Grundsätzlich meint Selbsthilfe die Fähigkeit, sich mit eigener Kraft aus einer Not- oder Problemlage zu befreien bzw. Schritt für Schritt diesen Weg zu versuchen.
Selbsthilfe meint aber auch gegenseitige Hilfe im Sinne von solidarischer Hilfe durch “nicht-professionelle HelferInnen”, die keine Bezahlung erhalten und auch keinen institutionellen Regeln unterliegen. Denn Selbsthilfe gelingt in einer Gruppe von Gleichbetroffenen leichter als alleine, frei nach dem Motto der Anonymen Alkoholiker: „Du allein kannst es, aber du kannst es nicht alleine“.

Eine Selbsthilfegruppe ist der freiwillige Zusammenschluss von Menschen. Diese unterstützen und helfen sich mittels solidarischer Interaktionen. Das Engagement in der Selbsthilfe basiert auf direkter Betroffenheit und gemeinsamer Solidarität.
Selbsthilfegruppen sind deutlich abzugrenzen zu professionellen Hilfen wie psychologischer oder medizinischer Beratung und Therapie. Hauptanliegen der Gruppe ist der Erfahrungs- und Wissensaustausch, um den Alltag besser zu meistern. In der Regel setzt sich eine Selbsthilfegruppe aus Betroffenen oder/und Angehörigen zusammen: Erfahrene Selbsthilfegruppenmitglieder werden zu „ExpertInnen in eigener Sache“ und geben so ihr Erfahrungswissen an neue Gruppenmitglieder weiter. Des weiteren kooperieren viele Selbsthilfegruppen eng mit dem professionellen medizinischen oder sozialen Hilfe-System. Es gibt Selbsthilfegruppen für gesundheitliche und soziale Problembereiche.

2. Wie entsteht und wie arbeitet eine Selbsthilfegruppe?

Eine Selbsthilfegruppe entsteht aus dem Bedürfnis betroffener Personen, sich untereinander auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.
Aus ihrer gemeinsamen Betroffenheit heraus entwickeln die Mitglieder von Selbsthilfegruppen Solidarität, Verständnis und gegenseitige Hilfe. Wichtig ist die Tatsache, dass die Gruppe einen “Schutzraum” bietet, in dem Offenheit und Vertrauen möglich sind.
Durch Erfahrungsaustausch, gegenseitige Entlastung und Ermutigung lernen die Mitglieder voneinander und miteinander.
Sie tun dies ohne professionelle Leitung, aber durchaus teilweise mit zeitlich begrenzter professioneller Unterstützung (z.B. durch eine Selbsthilfekontaktstelle in der Anfangsphase oder bei Krisen), denn die ständige Anwesenheit von Personen aus dem professionellen Bereich oder anderen Nichtbetroffenen würde sich bei diesem Prozess nachteilig auswirken.

3. Was bewirkt eine Selbsthilfegruppe?

Die Selbsthilfegruppe stärkt die Menschen in und nach Krisen durch die Entwicklung einer vertrauensvollen Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern. Durch Erfahrungsaustausch, Verständnis und Anteilnahme wird Unterstützung und ein Hilfsnetz aufgebaut.
So bietet die Gruppe ein geschütztes Lernfeld zur Verbesserung der sozialen Beziehungen. Dieses Modell hat positive Auswirkungen auch auf das Lebensumfeld des Betroffenen außerhalb der Gruppe: Das Selbstwertgefühl wird gefestigt, gesunde Anteile werden gestärkt.

Außerdem verfügt die Gruppe über zahlreiche Informationen zum eigenen Thema: z.B. zur Krankheit, zur Bewältigung von Folgeproblemen wie der existenziellen Sicherung, der sozialen Beziehungen etc. und welche professionelle Hilfe sinnvoll ist. Dieses Spezialwissen wird vielfach auch von Außenstehenden genutzt, zum Beispiel von Angehörigen und FreundInnen, von Neubetroffenen oder KooperationspartnerInnen aus dem professionellen System.

4. Was charakterisiert Selbsthilfegruppen?

Selbsthilfegruppen sind keine Dienstleistungseinrichtungen, sondern bestehen durch das Prinzip des gegenseitigen Gebens und Nehmens.
Ziel sollte deshalb sein, dass alle Mitglieder die Gelegenheit zur stetigen und aktiven Teilnahme erhalten. Mitarbeit und Beteiligung am Gespräch dürfen keinem Zwang unterliegen – sollten aber das Prinzip der Solidarität befolgen.
Nur wenn die Teilnahme freiwillig erfolgt können sich die Vorzüge der Selbsthilfe entfalten.

5. Ablauf einer Gesprächsselbsthilfegruppe:

  • Eingangsrunde:
    Am Anfang jedes Gruppentreffens kommt jede/jeder TeilnehmerIn zu folgenden Fragestellungen kurz zu Wort: Wie geht es mir? Wie fühle ich mich? Welche Themen vom letzten Treffen haben mich noch weiter beschäftigt? Was erhoffe ich mir vom heutigen Treffen? Habe ich ein Thema, Problem, das ich unbedingt heute besprechen möchte?
    Dieses Anfangsblitzlicht sollte nicht zu lange dauern und muss deshalb gut von der gewählten Gesprächsleitung moderiert werden. Kurze Beiträge, möglichst ohne Nachfragen, jedoch ohne den Zwang etwas sagen zu müssen, haben sich in der Regel bewährt.
    Auch bei Gruppen, die sich schon länger treffen, ist es gerade für neue Mitglieder wichtig, dass sich alle Anwesenden kurz in der Anfangsrunde vorstellen.
  • Hauptteil der Gruppensitzung:
    Für den Kernteil des Treffens kann es sinnvoll sein Gesprächsthemen zu sammeln und die Bearbeitung dieser Themen für bestimmte Treffen zu vereinbaren.
    Dazu können auch von einigen TeilnehmerInnen der Gruppe Vorbereitungen getroffen werden: zum Beispiel ein Fachartikel, ein Einstiegsvortrag, ein Rollenspiel, eine Geschichte oder andere Methoden lebendigen Lernens wie z.B. Körper- und Entspannungsübungen, Phantasiereisen oder Gymnastik.
    Um das hohe Informationsbedürfnis zum eigenen Thema zu stillen, hat sich auch die Einladung von ReferentInnen von aussen zu bestimmten Themen bewährt.
    Das vereinbarte Thema sollte in der Regel bearbeitet werden, es sei denn ein besonders dringliches Problem eines Gruppenmitgliedes steht an (ergibt sich meist aus der Eingangsrunde).
    Auch in diesem Hauptteil der Gruppensitzung kann ein kurzes Zwischenblitzlicht ein gutes Medium sein, um „Störungen“ in der Gruppenatmosphäre ans Licht zur bringen. Jeder der Teilnehmer sollte das Recht haben, eine solche kurze Zwischenrunde einzufordern. Zum Beispiel wenn der Gruppenablauf ins Stocken gerät; wenn vom Thema weg geredet wird; wenn langes Schweigen eintritt; wenn Uneinigkeit über das Vorgehen oder den weiteren Verlauf besteht; wenn ein Gespräch sehr lange zwischen wenigen TeilnehmerInnen hin und her geht.
  • Schlussrunde:
    Den Abschluss jedes Gruppentreffens bildet eine kurze Feedbackrunde (Abschlussblitzlicht), die allen Beteiligten die Gelegenheit bietet Rückmeldungen zum heutigen Treffen zu geben und Ideen für die nächsten Treffen einzubringen: Wie ist es mir ergangen beim heutigen Gruppentreffen? Was ich eigentlich noch sagen wollte..; Welche Erwartungen habe ich an das nächste Treffen?).
    Erfahrungsgemäß fällt es schwer das Abschlussblitzlicht einzuhalten (die ersten wollen gerade heute früher gehen, das Thema war so spannend, die Gruppe findet „kein Ende“). Es ist aber von großer Bedeutung, da Verärgerung und Frustration durch das Ansprechen ein Ventil erfährt und die Gefahr verringert, dass TeilnehmerInnen kommentarlos weiteren Gruppentreffen fern bleiben.

Eine Besonderheit stellen die “Anonymen Gruppen” (z.B. die Anonymen Alkoholiker) dar mit ihrem eigenen Konzept, das auf zwölf Schritten und zwölf Traditionen (siehe auch Blaues Buch der Anonymen Alkoholiker) beruht. Weitere Kennzeichen sind die Anonymität, die Unabhängigkeit von finanziellen oder anderen Förderern, offene Meetings ohne vereinbarte Verbindlichkeit, sowie eine spirituelle Dimension. Diese Gruppen finden sich vor allem im Bereich von Suchterkrankungen und psychosozialen Problemen und sind weltweit verbreitet.

6. Der äußere Rahmen für Selbsthilfegruppentreffen

Dauer: Die Dauer eines Treffens sollte zwei Stunden nicht überschreiten, da die Konzentration vor allem in den Abendstunden sonst stark nachlässt. Deshalb ist es wichtig, ein klares Ende der Gruppensitzung zu vereinbaren. Hilfreich kann es sein, zwei Personen mit der Gesprächsmoderation zu beauftragen: Eine ModeratorIn konzentriert sich auf ein ausgeglichenes Gruppengespräch und dass jeder/jede, der/die möchte, zu Wort kommt, die andere achtet auf die Einhaltung der Zeit.
Pausen: Pausen haben sich in vielen Gruppen bewährt: Eine Pause ermöglicht Sicht- und Platzwechsel und lässt unangenehme Störungen oft gar nicht erst aufkommen: gerade Neulinge können hier mit „alten Hasen“ intensive Einzelgespräche führen und werden oft schneller in die Gruppe integriert.
Informelles Beisammensein: Bewährt hat sich, beim Gruppentreffen noch ein informelles „Nachtreffen“ – ein gemütliches Beisammensein – anzukündigen und abzusprechen. Alle, die möchten, können so völlig freiwillig und unverbindlich persönliche Kontakte zu den anderen Gruppenmitgliedern aufbauen und pflegen.
Gruppengröße: Für eine Gesprächsselbsthilfegruppe bietet sich eine Gruppengröße von acht bis zwölf TeilnehmerInnen an, um ein persönliches und intensives Gespräch zu ermöglichen. Bei nach außen orientierten Selbsthilfegruppen/Selbsthilfeorganisationen gibt es oft wesentlich größere Teilnehmerzahlen: Es ist sinnvoll, hier immer wieder Raum für Kleingruppen anzubieten.
Weitere Rahmenbedingungen: Ein fester Zeitpunkt (variiert in der Regel von einmal wöchentlich bis vierteljährlich) und ein neutraler, verkehrsgünstiger und ungestörter Raum für die Gruppentreffen sind wichtige Voraussetzungen, um die Gruppe gelingen zu lassen. Neben Selbsthilfekontaktstellen bieten sich beispielsweise Weiterbildungseinrichtungen, Beratungseinrichtungen, Kliniken an, um kostengünstige Gruppenräume für die Treffen zu finden.

7. Spielregeln für Selbsthilfegruppen

Damit der Ablauf der Gruppentreffen möglichst reibungslos funktioniert und sich eine Atmosphäre des Vertrauens entwickeln kann, sind von der Gruppe beim Start bestimmte Regeln zur Gruppenarbeit gemeinsam zu vereinbaren. Hier eine Zusammenfassung von bewährten “Spielregeln” einer Selbsthilfegruppe, die jedoch je nach Gruppe abgewandelt werden können.

  • Vertraulichkeit: Alles was in der Gruppe besprochen wird und geschieht, wird nicht nach außen getragen. Wer möchte, kann anonym bleiben.
  • Pünktlichkeit sollte selbstverständlich sein. Jeder/jede nimmt die Zeit der anderen ernst.
  • Verantwortung: Jeder/jede in der Gruppe übernimmt die Verantwortung für sich selbst. Sie/er achtet darauf, nur soviel von sich preiszugeben, wie sie/er möchte.
  • Gegenseitige Achtung: Jeder/jede hört aufmerksam zu, soll zu Wort kommen können, fällt niemandem ins Wort und hält sich mit Interpretationen zurück. Seitengespräche mit den Sitznachbarn können das Gruppengespräch erheblich stören. Meist sind dies wichtige Beiträge, die für alle interessant sind, oder weisen auf sogenannte „Störungen“ (siehe nächsten Punkt) hin.
  • Störungen haben Vorrang: Emotionen, Ablenkungen, Konzentrationsprobleme brauchen in der Gruppe immer Raum und sollten möglichst rasch angesprochen und bearbeitet werden.
  • Verbindlichkeit: Wenn jemand nicht zur Gruppe kommen kann, gibt er/sie Bescheid.
  • Ehrlichkeit: Wer die Gruppe verlassen möchte, sollte sich möglichst unter Angabe der Gründe verabschieden.
  • Trinken, Essen und Rauchen kann sich störend auf die Konzentration auswirken.
leiter